Die Farbe des Windes

Hätte der Wind eine Farbe, so wäre er diamantenschneiderblau. Diese Farbe gibt es zwar nicht, aber beschreibt diesen Wind einfach keine Farbe treffender. Der Auftakt eines Krimis.

Eine Schneelandschaft. Im Vordergrund ein Holzzaun. Im Hintergrund vereinzelt Bäume. Die Landschaft ist weitläufig und von zwei Hügeln durchzogen. Es steht ein verlassenes Haus inmitten dieser Landschaft.
Schneelandschaft

Hätte der Wind eine Farbe wäre er wahrscheinlich Diamantenschneider Blau. Auch wenn es diese Farbe nicht gibt. Doch keine Farbe würde treffender beschreiben, wie der Wind an diesem Tag zu charakterisieren war. Er kam vereinzelt, nicht etwa durchgängig, aber wenn, dann in schnellen Böen und fühlte sich an als hinterließe er hauchzarten Risse und Schnitte auf der ungeschützten Haut. In ihrer filigranen Feinheit erinnerten sie an zarte Streiche einer frisch geschliffenen Klinge. Hätten sie nicht so geschmerzt, hätte man ihre Schönheit durchaus anerkennen können.


Auf den Stellen, die der Wind streifte bildeten sich unweigerlich die ersten Eiskristalle. Die Böen wirbelten etwas von dem Schnee auf der vor einigen Tagen gefallen war und aufgrund der Temperaturen liegen geblieben war und schleuderte es einem entgegen.


Und hätte der Wind nicht so unerbittlich gepfiffen, dass man das Gesicht in seiner Jacke oder in seinem Mantel hätte vergraben müssen, so hätte man sich durchaus an der Landschaft erfreuen können, die sich an diesem - einem der ersten des neuen Jahres - klaren, aber kalten morgen vor strahlend blauem Himmel erstreckte.


Man hätte die weite verschneite Landschaft bewundern können mit ihren kleinen Anhöhen, leicht bewachsen von kahlen Bäumen. Man hätte die allumfassende Stille und die friedliche Einsamkeit genießen können.

Man hätte sich an den wenigen Birken und ihren spindeldürren Ästen, die ebenjener Wind von links nach rechts und wieder zurück trieb erfreuen können oder an den Eiskristallen, die im Begriff des Fallens an den Drähten eines Holzauns festgefroren waren und in verschiedenen Formen und Ausprägungen nun kopfüber zu hängen schienen.

Man hätten den Geschichten des verlassenen Gutshof in der Ferne lauschen können, der stumm die Ereignisse längst vergangener, prosperierender Zeiten zu erzählen schien. Man hätte das Geknirsche des Schnees unter den eigenen Füßen gehört und vereinzelt das Knarren der Äste, die unter dem Schnee ächzten.

Man hätte sogar ein wenig Wärme der ersten warmen Sonnenstrahlen dieses neuen Tages spüren können.


Doch der Wind pfiff unerbittlich und scharf, so dass man sich, wenn man nicht übersät mit Mikrorissen im Gesicht zuhause ankommen wollte unweigerlich in seine Jacke oder Mantel eingraben musste und für Landschaft und Stimmung wenig Zeit verblieb. Es war Sonntag 6:12 Uhr in der früh. An besseren Tagen finden sich zu dieser Zeit einige Naturliebhaber in dieser Gegend, Fotographen und Ornithologen, weil sich in dieser Gegend einige seltene Vogelarten beobachten ließen. Aber nicht heute.


Und so kam es, dass die Person, die sich unter drei Birken befand auch noch nicht entdeckt wurde. Man könnte ja sagen, sie saß oder sie lehnte, wobei diesen Worten eine gewisse Bequemlichkeit innewohnt, die mitnichten darauf zutraf, wie unsere Person hier vorzufinden ist. Es war eher so, dass sich ihr Rücken parallel zum Stamm der mittleren Birke befand und es daher den Anschein machte, als würde er sitzen.

Allerdings war er so steif gefroren, dass man auch ohne Probleme die Birke hätte entfernen können und sie wäre einfach so in der Position verweilt. Gerader Rücken, Beine 90 Grad nach vorne gestreckt. Leicht beschienen von den ersten Sonnenstrahlen.

Der Wind bewegte hier nichts mehr. Bekleidet lediglich mit einem leicht aufgeknöpftem, weißen Hemd, einer schwarzen Anzugshose und einem etwas zu großen Jacket. Socken, geschweige denn Schuhe suchte man vergebens.

Die blonden, schulterlangen Haare waren zu Eiszapfen gefroren und hingen ihm schwer vom Kopf. Unter seiner Nase hatte sich ein Eiszapfen gebildet und seine blauen Augen starrten unablässig in die Ferne.


Und da sich das Wetter in den nächsten Stunden wieder änderte wie es so oft in dieser Gegend war und neben dem unwirtlichen Wind auch noch Schneegestöber und klirrende Kälte über das Land brachten wurde unsere beschriebene Person auch erst geschlagene drei Tage später überhaupt gefunden.